

Emilio Butragueño (62), Real-Legende und Direktor für institutionelle Beziehungen, spricht in unserem Mitgliedermagazin „51“ über magische Europapokal-Nächte, den „Clásico Europeo“ gegen den FC Bayern – und darüber, warum Duelle mit München das Maximum verlangen.
Das Interview mit Emilio Butragueño
Herr Butragueño, Sie haben einmal erzählt, wie Sie bereits als zehnjähriger Bub mit Ihrem Vater Real Madrid-Spiele auf der Tribüne hinter dem Tor verfolgten. Auf den Schultern der Erwachsenen. Wie hat Sie das geprägt?
„Mein Vater war seit 1943 Mitglied bei Real Madrid. Und er machte mich sofort nach meiner Geburt zum Mitglied. Wir hatten Dauerkarten für den zweiten Rang. Aber bei den Europapokal-Spielen waren wir im ‚Fondo Norte‘ hinter dem Tor. Das war einfach unglaublich. Ich werde nie im Leben vergessen, was ich dort alles erlebt habe. Die Leidenschaft für unseren Verein entstand dort. An diesen unvergesslichen europäischen Abenden… Diese Aufholjagden, wenn Real hinten lag.“
Aufholjagden, an denen Sie wenige Jahre später als Spieler selbst teilhaben sollten.
„Ich hatte das Glück, vom Zuschauerrang auf das Spielfeld zu wechseln und selbst Teil dieser Geschichte zu werden. Wenn Madrid in Rückstand gerät, zeigt sich, was Real Madrid ausmacht. Die Mannschaft gibt nie auf, sie kämpft bis zum letzten Moment. Ich spielte in den 1980er Jahren zweimal gegen den FC Bayern München, in beiden Duellen lagen wir drei Tore zurück und kämpften bis zum Schluss. 1987 qualifizierten sich die Bayern fürs Finale, 1988 gewannen wir das Viertelfinale. Wir lagen in München 0:3 zurück. Ich erinnere mich gut. Es war Anfang März, und es schneite das ganze Spiel über. In den letzten Minuten verringerten wir den Abstand auf 2:3, und in Madrid machten wir mit einem 2:0 den Einzug ins Halbfinale perfekt.“
Was zeichnet den FC Bayern als Gegner aus?
„Es ist ein sehr schwieriger Gegner. Der FC Bayern ist ein Verein, der mit einer guten Mannschaft auf höchstem Niveau spielt und viel Erfahrung hat. Zweifelsohne ein großartiger Club, der immer vorn mitspielt, immer den Titel in Europa anstrebt.“

Real Madrid gegen FC Bayern München wird immer der „europäische Clásico“ genannt. Trifft es das?
„Wir sind so oft gegeneinander angetreten, in jedem Jahrzehnt mindestens einmal. Ich glaube, dass diese Spiele den Ausdruck ‚Clásico Europeo‘ verdienen. Seit vielen Jahrzehnten sind sowohl Real Madrid als auch der FC Bayern München Titelanwärter in Europa. Wir haben großen Respekt vor dem Verein. Der FC Bayern München hat ganz sicher zum Wachstum des Fußballs weltweit seinen Teil beigetragen, so wie wir auch. Es ist eine Ehre für uns, gegen die Bayern zu spielen.“
Welche Erinnerungen haben Sie an das letzte Duell im Jahr 2024?
„Es waren wieder zwei knappe Spiele. In München spielten wir 2:2 unentschieden. Und im Bernabéu lagen wir zurück und konnten wieder in den letzten Minuten aufholen. Gegen die Bayern ist es immer sehr schwierig. Es ist eine Mannschaft, die immer das Beste von uns fordert. Sie haben ausgezeichnete Spieler auf allen Positionen. Beide Vereine wollen immer gewinnen und stehen für Offensivfußball. Wir müssen ein sehr komplettes Spiel machen, wenn wir dagegen ankommen wollen.“
Madrid erlebt eine durchwachsene Saison mit starken Spielen wie im Achtelfinale gegen City und überraschenden Niederlagen gegen einen Zweitligisten im Pokal. Wo sehen Sie das Team vor dem Duell gegen Bayern?
„Wir gehen mit großen Zielen ins Viertelfinale, ohne dabei zu vergessen, dass es – wie immer – sehr schwer werden wird. Real Madrid versucht immer, über sich hinauszuwachsen. Das ist eine der Konstanten unserer Geschichte. Es stimmt, diese Spielzeit haben wir große Probleme gehabt. Wir hatten viele Verletzte, und Trainer Álvaro Arbeloa hat mitten in der Saison das Team übernommen. Álvaro hat eine große Herausforderung angenommen. Und wir sind sehr zufrieden, wie er das macht. Seine Arbeit zeigt gute Ergebnisse, und er hat die vielen Ausfälle gut kompensiert. Die Mannschaft hat es geschafft, wieder sehr wettbewerbsfähig zu sein.“
Wir sind so oft gegeneinander angetreten, in jedem Jahrzehnt mindestens einmal. Ich glaube, dass diese Spiele den Ausdruck ‚Clásico Europeo‘ verdienen.
Emilio Butragueño
Vor der Saison haben Toni Kroos und Luka Modrić, die viele Jahre die Mittelfeldzentrale von Real bildeten, aufgehört. Haben Sie den Umbruch unterschätzt?
„Real Madrid sucht immer den Sieg, den Erfolg, egal welche Spieler wir haben. Wir beschweren uns nicht. Gibt es Veränderungen? Klar, wie jedes Jahr. Toni Kroos und Luka Modrić sind Legenden des Fußballs. Sie waren auf ihrer Position die Besten weltweit. Es ist eine Ehre, dass sie bei uns gespielt haben. Die beiden haben nicht mehr und nicht weniger als sechs Europapokale gewonnen. Aber auch die Großen hören irgendwann auf. So ist der Fußball, und so ist das Leben. Der Verein muss Lösungen mit anderen Spielern finden, um konkurrenzfähig zu bleiben. In diesem Prozess befinden wir uns. Und hier sind wir, im Viertelfinale.“
Real Madrid ist nicht nur ein großer Verein, sondern auch ein großes Unternehmen. Um das zu begreifen, reicht ein Blick auf das neue Stadion.
„Wir sind sehr stolz auf den Stadionumbau. Es wurde 1947 eingeweiht. Seither sind wir hier zu Hause. Es ist zweifelsohne ein Wahrzeichen der Stadt Madrid. Unser Präsident hat eine gute Entscheidung getroffen, indem er das Stadion zu einem der besten weltweit umbauen ließ. Dieser Umbau und die Möglichkeiten, die er bietet, werden uns helfen, wettbewerbsfähig zu bleiben.“
Wofür steht Real Madrid? Für die Stadt, für Spanien, oder ist der Verein längst eine globale Marke, die über all dem steht?
„Real Madrid ist in erster Linie eine Art, das Leben zu verstehen. Real Madrid ist eine Leidenschaft, die Hunderte Millionen Menschen überall auf der Welt vereint. Das ist unsere Stärke, das macht unser Wesen aus. Das versuchen wir zu fördern, damit es wächst. Das ist unser Ziel. Natürlich sind wir Botschafter unserer Stadt, unseres Landes, aber auch Botschafter des Fußballs an sich. Real Madrid hat in seiner Geschichte einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass der Fußball ist, was er heute ist – der große globale Sport.“
Sie schauen auf mehrere Jahrzehnte Fußball zurück: Vieles hat sich geändert. Was ist immer noch so wie bei Ihrem ersten Besuch im Stadion?
„Die Leidenschaft, die Begeisterung, die ich hatte, als ich als Kind mit meinem Vater als Fünf-, Sechsjähriger ins Stadion ging. Die sehe ich auch heute noch bei den Kindern, an der Hand ihrer Väter. Diese Leidenschaft ist die Kraft von Real Madrid und des Sports.“
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