
Zum 50-jährigen Jubiläum brachte der FC Bayern 1950 eine Festschrift heraus. Gertrud Baumgartner hat sie getippt – 76 Jahre später kommt es zum Wiedersehen.
Die Kulisse ist bestens gewählt. Ein Ort für große Entscheidungen, historisch wertvoll, edel eingerichtet, umgeben von einem Hauch von Macht und Ruhm. Und trotzdem hat die Dame, die im ehemaligen Präsidiumszimmer des FC Bayern Platz genommen hat, keine Augen für all die Pokale und das im Original erhaltene Mobiliar um sie herum. Was Gertrud Baumgartner an diesem Tag interessiert, hält sie in ihren Händen – und berührt es im 45-minütigen Gespräch immer wieder: ein kleines, vergleichsweise unscheinbares Buch. Es entstand lange vor diesem Zimmer, das heute im FC Bayern Museum wieder aufgebaut ist. Als der Besprechungsraum fürs Präsidium 1971 an der Säbener Straße errichtet wurde, hatte Gertrud Baumgartner ein großes Stück der Geschichte unseres Vereins nämlich schon geschrieben. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Wer die Geschichte kennt, versteht, warum Baumgartner immer wieder in den Seiten blättert. An diesem Tag sieht sie das Original zum ersten Mal seit 76 Jahren. Streng genommen ist es ihr Werk: die getippten Zeilen der heute 97-jährigen, in vielerlei Hinsicht faszinierenden Frau. Denn sie übertreibt nicht, wenn sie über die Festschrift sagt, die der FC Bayern 1950 zum 50-jährigen Bestehen herausgebracht hat: „Ich habe jede Zeile dieser Chronik geschrieben. Alles!“ 247 Seiten waren und sind es – oder anders gesagt: eine Menge, Menge Arbeit. Aber wer Baumgartner zuhört, hört die Freude noch ganz genau raus, mit der sie damals im Polizeipräsidium in der Ettstraße ihre Finger über die Tasten ihrer Triumph-Schreibmaschine fliegen ließ. Auch mit Abstand von fast acht Jahrzehnten.

„So nebenbei“ sei die Arbeit gegangen, die ihr damaliger Chef Siegfried Herrmann († 1971) ihr eines Morgens mit den simplen Worten „Auf geht’s!“ auf den Schreibtisch legte. Baumgartner spricht von „Direktor Herrmann“. Denn an seinem Arbeitsplatz zählte nicht das Amt des späteren Ehrenpräsidenten unseres Vereins – dort wurde er als ehemaliger Kriminalpolizist und städtischer Sicherheitsdirektor geschätzt. Baumgartner, damals 22 und unter ihrem Mädchennamen Berger als „Angestellte für schwierige Arbeiten“ bei der Münchner Polizei beschäftigt, erledigte die Schreibarbeit gewissenhaft: „Ich habe getippt, was es zu tippen gab.“ In den gut drei Wochen, in denen die Chronik „50 Jahre FC Bayern“ entstand, war das eine Menge Stoff. Gejammert hat sie nicht: „Mir war das nie lästig. Ich habe halt ein paar Überstunden gemacht.“ Bis die letzte Zeile geschrieben war.
Eine Mail der Tochter als Initialzündung
Dass Gertrud Baumgartner an diesem Sommertag 2026 zurück beim FC Bayern ist, in Erinnerungen schwelgt, wertvolle historische Details liefert, ist das Resultat einer E-Mail. Im Februar erreichte das Team des FC Bayern Museums eine Nachricht von Baumgartners Tochter Marion: Sie erkundigte sich nach dem Verbleib der 50-Jahr-Chronik. „Ich wende mich an Sie, weil meine Mutter so oft davon erzählt hat und sich über das Buch bestimmt wahnsinnig freuen würde“, hieß es darin. Nur ein paar Zeilen, aber für die Museumskollegen war klar: Diese Frau müssen wir treffen! Alexa Gattinger, die stellvertretend mit am Tisch sitzt, spricht hinterher von einem „einmaligen Erlebnis“ – noch nie hat sie mit jemandem gesprochen, der Siegfried Herrmann persönlich kannte: „Die Zeit, die Umstände, die Gegebenheiten – wir können uns Sigi Herrmann jetzt deutlich besser vorstellen als vorher.“
Auf dem Tisch steht ein Bild des Mannes, der kurz nach der Gründung 1900 eintrat, vom Spieler der zweiten Mannschaft zum Präsidenten wurde und den FC Bayern auf vielfältige Weise geprägt hat. Gertrud Baumgartner schaut es lange an – und sagt schließlich: „Ja, genauso war er! Sympathisch, immer freundlich.“ Im Präsidium kannte man Sigi Herrmann bestens – auch weil er aufgrund seines großen Pensums im Job wie beim FC Bayern „immer in hohem Tempo unterwegs war“. Einen besonderen Spitznamen hatte der Intimus von Kurt Landauer auch: Weil sein weißer Büromantel stets offen war und wehte, wenn er die langen Gänge entlangfegte, nannte man ihn „den fliegenden Holländer“. Baumgartner schmunzelt. „Ich habe all das noch genau vor Augen.“
Baumgartner tippte wie eine Weltmeisterin
Genau vor Augen hat sie auch die Stapel an Papier, die ihr der „Chef“, wie sie Herrmann nennt, Tag für Tag auf den Tisch legte. Teilweise handgeschrieben, teilweise vorgeschrieben, teilweise auf Basis der 25 Jahre zuvor verfassten Festschrift: Baumgartner brachte alles in Form. „Mitten im Text“ sei sie gewesen, am Ende „kannte ich natürlich die gesamte Geschichte des FC Bayern.“ Und sie wusste, warum sie im Vorwort folgenden Satz tippen musste: „Die Schaffung dieses Werkes war mit großen Schwierigkeiten verbunden, denn den Chronisten standen Hilfsmittel in recht spärlichem Ausmaß zur Verfügung.“

Die Geschäftsstelle in der Weinstraße war am 13. Juli 1944 durch Bomben komplett ausgebrannt – mit Folgen auch fürs Archiv. Herrmann, der dem Ausschuss „Festschrift“ vorstand, hatte nur noch wenig Material und rief über die „Clubnachrichten“ zur Mithilfe auf. Zum großen Festabend am 11. Juli im Löwenbräukeller war die Chronik trotzdem gedruckt – in den vier Monaten dazwischen galt: große Eile, viel Sorgfalt. Ein Glück hatte man Gertrud Baumgartner!
Die Münchnerin, Tochter eines Polizisten, aufgewachsen mit einer zwei Jahre älteren Schwester, hatte sich 1945 im Polizeipräsidium beworben. Sie wusste, was sie wollte, sie wusste, was sie konnte – kein Zufall, dass sie direkt mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut wurde. Als Übersetzerin und Dolmetscherin war sie nach dem Krieg Gold wert, das „aus der Schule übrig gebliebene Englisch“ verbesserte sie mit Fleiß und Akribie. Und weil sie an der Schreibmaschine ebenso geschickt war, war ihr keine Schreibarbeit zu viel.
Die Mutter von zwei Kindern grinst verschmitzt: „Wenn jemand kam und gesehen hat, wie schnell ich tippte, waren sie immer beeindruckt.“ An Schreibwettbewerben teilzunehmen, blockte sie trotzdem ab – das Rampenlicht war nichts für Baumgartner, obwohl sie parallel zur Polizei-Arbeit bei der „Rundfunkspielschau“ als Solistin auf Deutschlandtournee ging. Auch ein Angebot, Schauspielerin zu werden, schlug sie aus: „Die waren mir alle zu affektiert. So bin ich nicht!“ Baumgartner blieb lieber dort, wo sie sich am wohlsten fühlte.
Zwölf Jahre lang war das das kleine Bürozimmer im Präsidium in der Ettstraße in der Münchner Altstadt. Die Tür stand offen, wenn Baumgartner vor Ort war – meist zwischen 8 und 17 Uhr. Danach ging es zu Fuß zurück in die Kazmairstraße nahe der Wiesn. Mit der Geschäftsstelle des FC Bayern in der Mariannenstraße 5 gab es damals keine Berührungspunkte. Die Chronik hat sie allein getippt.
Mitglieder staunten: „Viel Arbeit gemacht“
Sie schrieb, was Herrmann ihr brachte, und hörte dabei viel über den FC Bayern. Ihr Chef, sagt sie, war „sehr gesprächsgewandt“, „und ich habe nie erlebt, dass er grantig war“. Ein Bayer mit „Münchner Einfärbung“: „Er hat das gelebt“, sagt Baumgartner, „und er war ein Macher.“ Daher konnte er „auch nie verbergen, dass er für den FC Bayern gearbeitet hat“.

Warum auch? Die Bayern waren damals schon wer, Herrmann maßgeblich am Aufbau nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt. Dass das Werk bei den knapp 1.500 Mitgliedern gut ankam, steht in den „Clubnachrichten“ vom Sommer 1950 – inklusive eines Nachsatzes, den Baumgartner nur unterschreiben kann: „Diese Chronik muss viel, viel Arbeit gemacht haben.“ Dieser Satz geht ihr durch den Kopf, als sie vor dem Replikat im neu gestalteten FC Bayern Museum steht. Was sie Siegfried Herrmann sagen würde, wenn sie ihn heute noch einmal sehen könnte? Sie überlegt nur kurz: „Dass er ein netter Chef war!“ Und spricht endlich aus, was offensichtlich ist: „Gemeinsam haben wir ein Stück Geschichte verfasst. Darauf bin ich sehr, sehr stolz.“
Als Nachdruck hat sie die Chronik nun zu Hause, im Vereinsbesitz sind noch drei Originale. In einem blättert Baumgartner noch mal bis zum Schluss. Ihr Name fehlt bei den Danksagungen, aber das, sagt sie, „ist schon in Ordnung so“. Mehr Rampenlicht braucht sie nicht.